Geschmackssachen

Kunde: Experimenta gGmbH

Jahr: 2022

Museen und Ausstellungen

Warum mögen wir, was wir mögen? Das Thema „Geschmack“ ist komplex. Nahezu jede unserer Entscheidungen wird durch unseren Geschmack beeinflusst. Sie basieren auf Erziehung, Kultur, sozialem Status, Genetik und individuellen Erfahrungen. Dieses Wissen basiert auf den Erkenntnissen zahlreicher wissenschaftlicher Disziplinen, deren Forschungen sich mit dem Thema Geschmack auseinandersetzen: Psychologie, Biologie, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Neurowissenschaften. Was wissen wir also über unseren Geschmack und Geschmacksbildung? Wie ist das Thema wissenschaftlich erforscht – physiologisch, psychologisch und sozial? Diesen Fragen will die experimenta in Heilbronn – der größte Science Center Deutschlands – im Rahmen einer Sonderausstellung auf den Grund gehen. 

Es galt also ein Motiv zu finden, dass thematische Vielfalt, lebensnahe Anbindung, attraktive Gestaltung und spielerische Interaktionen stringent verbindet und zugleich mit einem „Augenzwinkern“ die Ernsthaftigkeit des Themas auflöst. Was schließt alle Alltagsthemen ein? Wo wird die Frage nach dem eigenen Geschmack konkret? Unser kreativer Ansatz: das Thema präsentiert sich im Überfluss der bunten Warenwelt. 

Natürlich muss eine Ausstellung zum Thema Geschmack auch selbst die Geschmacksfrage stellen. Die Mall of Taste verweist mit ihrer grafischen Sprache und dem Design der Ausstellung augenzwinkernd auf das „Jahrzehnt des schlechten Geschmacks“ – die Achtziger Jahre, die Ära der Postmoderne. Eine zeitgenössische Interpretation dieser Zeit der wilden Farben und Formen, der Karottenhose, von Schulterpolster, Leggings und Puffärmel. Auch in der Produktgestaltung herrschte damals das Prinzip: Bunter, schriller, größer.

Heute sind die Farben und Formen der 80er Jahre wieder top aktuell, das stilprägende Memphis-Design absolut angesagt. Aktuelle Mode- und Einrichtungstrends, aber auch Serienhits wie „Stranger Things“ zeugen davon. Damit liegt die Wahl dieses „wilden“ Gestaltungsprinzips im Trend, soll aber auch bewusst polarisieren. Beim Thema „Geschmack“ halten wir ein Design des Konsenses, das sich jeder Diskussion entzieht, für unangebracht.

Jeder der fünf in der Ausstellung behandelten Themenbereiche wird unter einer von der Decke abgehängten Rotunde präsentiert. Dabei unterscheiden sich diese Themeninseln nicht nur inhaltlich, sondern auch in Farbe, Form und Typographie. Die konsequent anders gestalteten Ausstellungseinheiten stehen in ihrer Gesamtheit für die Mannigfaltigkeit an Gestaltungsmöglichkeiten, die das Memphis-Design bietet und weisen somit ihrer Diversität zum Trotz eine gemeinsame gestalterische Sprache auf. Diese Abwechslung und Vielfalt ist dabei hochgradig „instagramable“ und bietet unzählige Möglichkeiten für farbenfrohe Selfies und Fotos.

Wir übersetzen naturwissenschaftliche Phänomene in einen analogen Selbstversuch: So wird im Bereich „Food“ die Erkundung eines biologischen Phänomens, wie dem retronasalen Effekt, mit den eigenen Sinnen und in Gemeinschaft mit Freunden zu einem überraschenden, aber auch lustigen und verbindenden Erlebnis. Speziell für die Ausstellung hergestellte Bonbons lassen einen nicht nur über das „Schweppes-Gesicht“ der Freunde lachen, sondern man erfährt am eigenen Körper, dass wir vier Nasenlöcher haben, wir auf der Zunge nur wenig Geschmack wahrnehmen und beim Ausatmen besser schmecken als beim Einatmen. 

Nach und nach entdecken die Besucher*innen fünf Shops in der Mall of Taste. Jede dieser individuell gestalteten Inseln beinhaltet Exponate, die sich immer mit einem der Themen auseinandersetzen, die uns jeden Tag vor die Wahl stellen, Diskussionen auslösen und uns über Geschmack streiten lassen: Essen (Food), Musik (Music), Mode (Fashion), Design (Living) und Partnerschaft (Love).

Die spielerischen Interaktionen, das entdeckende Lernen, gezielte Medienwechsel und die lebensnahen Themen lassen die Ausstellung zu einem pädagogisch und sozial nachhaltigen Ausstellungserlebnis werden.

Was ist wichtiger in einer Mall als die „Kreditkarte“? Schon an der Log-In Station wird sie jedem Besucher ausgehändigt. Sie fungiert wie eine Art Eintrittskarte zu den digitalen Exponaten und ermöglicht die persönliche Ansprache und die Ausgabe der Inhalte in der vorab ausgewählten Wunschsprache. Stilecht – mit der Kreditkarte in der Hand – starten die Besucher*innen ihre interaktive Entdeckungsreise durch die Welt des Geschmacks. Immer wieder können sie auf diesem Weg „Geschmacksentscheidungen“ treffen, an kleinen Umfragen teilnehmen und sich auch die jeweiligen Entscheidungen des Besucher*innendurchschnitts anschauen.


Was sie dabei nicht ahnen: die Kreditkarte ist viel mehr ist als die schlichte Personalisierung der Ausstellung, sie eröffnet die Ebene in eine Welt der Daten. Auf der Karte werden Abfrageergebnisse, ausgewählte Lieblingsfarben, oder auch die Verweildauer – kurz die Geschmackspuren, die Besuchende an jedem Exponat hinterlassen – gespeichert.  

Betritt man nach der Shoppingtour die Abschlussinstallation „Unite in Taste“ und legt seine Karte auf, erhält man ein auf den eigenen Datenspuren basierendes, visuelles Geschmacksprofil – ein abstrahiertes Bild unseres Geschmacks.

Sobald andere Besucher*innen eine große Übereinstimmung mit unserem Geschmacksprofil aufweisen, werden sie direkt darauf hingewiesen. Ein schöner Anlass zum Austausch. Denn viel spannender als ein Streit um den richtigen Geschmack ist es doch herauszufinden, mit wem einen der eigene Geschmack verbindet.

Wer mag kann sich nun die eigenen Entscheidungen, die Vergleiche zum Besucher*innendurchschnitt, witzige Geschmackskorrelationen oder auch wissenschaftliche Erkenntnisse zur Persönlichkeit, die Forschende des Max-Planck-Institutes für empirische Ästhetik aus den Daten herauslesen, noch einmal in aller Ruhe anschauen. Eine unterhaltsame Reflektion über den eigenen Geschmack, die zugleich aber auch verdeutlicht was die getroffenen Entscheidungen unseres Alltags – unsere Daten – anderen über die eigene Persönlichkeit verraten.